«Das eidgenössische Kreuz»
Von Christian Erlinger, August 2025
In der Nummer 48, vom 2. Dezember 1871 findet sich im St. Galler Volksblatt eine Korrespondenz aus Luzern. Diese befasst sich mit dem katholischen Pressewesen in Luzern, konkret mit dem «Vaterland», das als Nachfolgerin der Luzerner-Zeitung am 1. Oktober 1871 erstmals erschienen ist. Das St. Galler Volksblatt berichtet:
Bekanntlich hat letzten Sept. in Einsiedeln eine katholische Notablenversammlung stattgefunden, […]. Bald nachher hieß es, die «Luzerner-Zeitung» sei in andere Hände übergegangen und werde unter anderm Titel erscheinen. […] Das Blatt erschien dann ein oder zwei Mal unter dem übelgewählten Namen: «Das eidgen. Kreuz».
St. Galler Volksblatt, 16. Jahrgang, Nr. 48, 2. Dezember 1871, S. 196. Online: e-newspaperarchives.ch, Transkript: de.wikisource.org
Die Luzerner-Zeitung erschien am Samstag, den 30. September 1871 mit ihrer Nr. 264 kommentarlos zum letzten Mal (Online: ZentralGut). Tags darauf erscheint erstmals «Das Vaterland. Konservatives Zentralorgan für die deutsche Schweiz» mit dem Zusatz «Bis Neujahr Fortsetzung der Luzerner Zeitung» (Online: ZentralGut). Wie also durch die öffentliche Bereitstellung auf ZentralGut mittlerweile ohne besonderen Aufwand leicht festzustellen ist, gab es hier einen nahtlosen Übergang der Zeitungstitel. Von einer anfänglichen Verwendung des Titels «Das eidgenössiche Kreuz» findet man hingegen keine Spur.
Am 7. Dezember 1871 antwortete die Redaktion des «Vaterlands» schliesslich auf den kurzen Beitrag im St. Galler Volksblatt mit knappen, aber eindeutigen Worten:
Das «St. Galler Volksblatt» enthält in Nr. 48 eine Korrespondenz aus Luzern, welche kaum begreifliche Unrichtigkeiten enthält. So ist es z.B. nicht wahr, daß eine oder zwei Nummern unseres Blattes unter dem Titel «Eidgenössisches Kreuz» erschienen seien.
Vaterland, Nr. 66, 7. Dezember 1871, S. 3. Online: ZentralGut
Doch nicht nur die Behauptung das «Vaterland» sei anfänglich als «Eidgenössisches Kreuz» erschienen, fordert die Replik in Luzern heraus, sondern auch die im St. Galler Volksblatt umfänglich geschilderten organisatorischen und ökonomischen Vorbedingungen zur Gründung der Zeitung. So hätte der aus Luzern stammende Josef Duret, Kanzler des Basler Bischofs Eugène Lachat, den «Gebrüdern Räber» die Luzerner Zeitung abgekauft und es sei dabei auch vereinbart worden, dass nunmehr kein Blatt unter dem Titel «Luzerner Zeitung» erscheinen dürfe. Bei einer in Luzern am 30. Oktober 1871 stattgefundenen Versammlung einer «ordentliche[n] Anzahl konservativer Männer», von der der Korrespondent des St. Galler Volksblattes sehr genau zu berichten weiß, sei die Linie des Blattes festgelegt worden. Dieses sei, so das Volksblatt, nicht im «kirchlichen Sinne der Einsiedlerversammlung» sondern bemüht um «Konzessionen, Konzessionen, keine extreme Richtung, Schonung der Gegner, keine Theologie [zu] treiben» (Online: e-newspaperarchives.ch, Transkript: de.wikisource.org).
Worin begründet sich nun der Spott und die Ablehnung des Volksblattes gegenüber der neuen Zeitung aus Luzern? Im Jahr 1871 eskalierte der «Kulturkampf» in der Schweiz. Ausgelöst durch das Erste Vatikanische Konzil und dem von Papst Pius IX propagierten Unfehlbarkeitsdogma entstanden in den unterschiedlich politisch-religiös radikal oder liberal ausgerichteten katholischen Lagern unüberbrückbare Differenzen, die politisch deswegen just in der Schweiz so brisant wurden, da eine Revision der Bundesverfassung zur Klärung des Verhältnisses zwischen Staat und Konfession im Hintergrund diskutiert wurde. Nun hat aber das Vaterland nicht erst in einer Komiteesversammlung Ende Oktober 1871 sondern schon in ihrer ersten Nummer auf Seite Eins festgeschrieben, dass sich das Blatt als «konservatives Zentralorgan» überregional versteht, den «republikanischen Institutionen und Einrichtungen» verbunden fühlt und den «konfessionellen Frieden in Wahrheit» sucht bei gleichzeitigem Bekenntnis an die katholische Kirche. Das Vaterland «wird sich hüten, sich mit diesen Worten zu brüsten und zugleich durch Verspöttelung und Beschimpfung Andersgläubiger zum Hasse zu reizen» (Vaterland, Nr. 1, 1. Oktober 1871, S. 1. Online: ZentralGut).
Womöglich reizte das radikal-konservative Volksblatt auch die Einbringung oder Berücksichtigung des St. Galler Episkopats eine solche gemässigt-konservative Blattlinie zu führen:
Im Letzteren Sinne legte auch die Pfalz von St. Gallen ihre Wünsche ein und doch hat man ja dort in allernächster Nähe wieder ein tägliches Blatt das «keine Theologie» treibt.
Nr. 48, 2. Dezember 1871, S. 196. Online: e-newspaperarchives.ch, Transkript: de.wikisource.org
Ist hier jemand vielleicht vom eigenen Bischof «versetzt» worden, von dem man sich durch rechtschaffene Pressearbeit Zuwendungen erhoffte? Das Vaterland wies jedenfalls die getroffenen Äusserungen zurück und meinte sinngemäss man brauche von einer Zeitung nicht viel zu halten, die «seine bischöfliche Kurie nur mit dem wegwerfenden Titel ‹Pfalz› bezeichnet, und überhaupt Opposition macht gegen Alles, was nicht in seinen Ideenkreis paßt, und dieser ist nicht sehr weit» (Vaterland, Nr. 66, 7. Dezember 1871, S. 3. Online: ZentralGut). Offenkundig ist hingegen, dass die «Verspottung» des Vaterlands als «eidgenössisches Kreuz» politisch so zu interpretieren ist, dass dem St. Galler Volksblatt das Vaterland schlicht zu wenig radikal, zu anbiedernd, eben «keine Theologie treibend!» auftritt.
Was der Luzerner Korrespondent des St. Galler Volksblattes Anfang Dezember 1871 noch nicht wusste, ihn aber womöglich zur Freude gereicht hätte, ist der Umstand, dass sich die Behauptung, das Vaterland hiess anfänglich für die eine oder andere Nummer «Das eidgenössiche Kreuz» als Zeitungsente, oder heute würden wir «Hoax» dazu sagen, über 150 Jahre später noch immer an gar prominenter Stelle wiederfindet. Der deutschsprachige Wikipediaartikel zur Geschichte der Luzerner Zeitung hatte – bis kurz vor der Veröffentlichung dieses Posts – den Hinweis anbei, dass das Vaterland als Vorgänger der heutigen Luzerner Zeitung für zumindest zwei Tage eidgenössisches Kreuz hiess (Wikipedia: Luzerner Zeitung (Stand: 25. Juli 2025)). Belegt wurde diese Aussage in der Wikipedia ganz vorbildlich mit einer im Internet Archive nach wie vor abrufbaren, kurzen und mit 11. Februar 2008 datierten Firmenchronik der Luzerner Zeitung mit dem interessanten Eintrag:
Die «Luzerner Zeitung» wird am 1. Oktober zum «Eidgenössischen Kreuz» und – zwei Tage später – zum «Vaterland». Auflage: 3'000 Exemplare.
Internet Archive
Die Quelle dieser Aussage in einer firmenseitigen Veröffentlichung bleibt leider im Unklaren.
Im Jahr 1880, neun Jahre nach dieser publizistischen Fehde, tritt der Titel «Das eidgenössische Kreuz» im Schweizer Pressewesen erneut auf: Als Rubrikentitel im Satiremagazin «Nebelspalter» (z.B. e-periodica.ch). Ob es hier in der Urheberschaft einen Zusammenhang gibt oder die Satiriker des Nebelspalters zumindest Kenntnis von der Angelegenheit im Jahr 1871 hatten?
Das Schöne an diesem hier besprochenen Beispiel mit seinen letztlich offenen Forschungsfragen ist der klare Befund der Sinnhaftigkeit und Wirkmächtigkeit der gegenwärtigen bibliothekarischen Arbeiten: Wir sichern, erschliessen, digitalisieren und veröffentlichen. Die vorliegenden «Daten» sprechen im hier skizzierten Fall eine klare Sprache und widerlegen die Behauptung, es gab für wenige Nummern eine Zeitung mit dem diskutierten Titel «eidgenössisches Kreuz». Die politischen Hintergründe können uns eine plausible Erklärungsvariante liefern, die aber als strittig zu verstehen ist. Den Eintrag in der Wikipedia wiederum dürfen und können wir als engagierter Teil der «Wissensallmende» selbsttätig und mit offen überprüfbaren Quellen korrigieren, bzw. diesen durchaus komischen Umstand ergänzend mit Belegen kommentieren.
Ein anderes «eidgenössisches Kreuz» (Artikel im Nebelspalter, 1880)