Vom Groove beseelt

Von David Koch, 22. Mai 2026

Knapp dreissig Fotografien porträtieren auf ZentralGut den Luzerner Schlagzeuger Fredy Studer, der mit seiner stilistischen Offenheit und Experimentierfreudigkeit zu den international prägenden Musikern im Bereich des modernen Jazz und der freien Improvisation gehört. Etliche der Bildaufnahmen zeigen Studer in Aktion an seinem mit vielen Becken bestückten Drumset, fokussiert auf sein Spiel, wachsam und konzentriert, vom Groove beseelt, sein langes Haar zu einem Knoten zusammengebunden. Andere Aufnahmen lichten den Künstler als Persönlichkeit ab, in urbaner Umgebung oder in einem Konzertlokal, lächelnd oder in Gedanken versunken, eine hält ihn schalkhaft mit zwei überdimensionierten Trommelschlegeln fest. Die Fotografien sind weitgehend undatiert, lassen sich aber auf einen Zeitraum zurück bis in die 1970er-Jahre festlegen. Ein Hinweis auf die frühen Jahre ist mitunter Studers auffälliger Schnurrbart.

Im Sommer 2022 ist Studer im Alter von 74 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben. Die Neue Zürcher Zeitung würdigt ihn als einen «der besten Schlagzeuger der Schweiz», stets «am Puls der Zeit» und mit der Vision, «die Grenzen der Musik, wenn nicht zu sprengen, so doch weiter hinauszuschieben». Studers musikalischer Nachlass ging auf Initiative seiner Erben als Schenkung an die Hochschule Luzern – Musik, wo der Bestand in einem Erschliessungsprojekt der Forschungsabteilung in Kooperation mit der Musikbibliothek aufbereitet und archiviert wird. Der Bestand setzt sich zusammen aus umfangreichem Tonmaterial sowie aus Dokumentationen zu Bandprojekten, Programmen und Presseberichten, Plakaten, Korrespondenz, persönlichen Dokumenten und viel Bildmaterial – die Auswahl an Porträts auf ZentralGut ist folglich nur ein kleiner repräsentativer Teil. Das Tonmaterial wird in Zusammenarbeit mit der Fonoteca nazionale erschlossen. Dass der Nachlass nun an der Hochschule Luzern – Musik lagert, macht durchaus Sinn, betreut diese doch ebenso die Archive des Jazz Festivals Willisau und des Schaffhauser Jazz Festivals, zwei Institutionen, an denen Studer wiederum häufiger Gast war. Schon fast Kultstatus hat der Auftritt seiner fulminanten Band OM 1975 in Willisau zur Eröffnung des ersten Festivaljahres. Mit der Erschliessung von Studers Nachlass soll dieser den Forschungs- und Bildungsinstitutionen sowie der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

2018 veröffentlicht Studer das Solowerk «Now’s the time»: Es kann in seinem Erfindungsreichtum, in den ausgetüftelten Rhythmen und Klängen durchaus zur Essenz, rückblickend vielleicht sogar zum Vermächtnis des Musikers erklärt werden. Dem Doppelalbum ist ein Buch beigelegt, das in Ergänzung zur Musik alles zu Leben und Schaffen in Worte fasst, zusammengetragen von langjährigen Weggefährten Studers. Einer von ihnen ist der Musikjournalist Pirmin Bossart, der eine facettenreiche Biografie über den Schlagzeuger vorlegt, für die er diesen über Monate interviewt hat. Ausserdem sind Bossart die biografischen Notizen auf der Webseite des Erschliessungsprojektes zu verdanken. Darin führt der Autor eingangs aus, dass neben der Band OM auch Formationen wie Red Twist & Tuned Arrow, das Trio Koch-Schütz-Studer oder Phall Fatale zu den «markanten Stationen» von Studer gehören und dass dessen «Ruf als präziser und experimentierfreudiger Musiker» ihn mit internationalen Grössen der Szene wie Joe Henderson, John Zorn, Charlie Mariano oder John Abercrombie zusammenbringt. Beide Listen liessen sich beliebig verlängern.

Geboren 1948 in Luzern und in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, habe Studer das Schlagzeug spielen autodidaktisch erlernt, ist von Bossart weiter zu erfahren, «um dann im von Rebellion geprägten Künstlerleben der 1960er-Jahre erst richtig seine kreative Spur zu finden». Zum Schlüsselerlebnis wird der Auftritt von Jimi Hendrix 1967 im Londoner Marquee Club, dem Studer beiwohnt und der ihm endgültig klarmacht, dass er Musiker werden will. Er wird dem Übergitarristen später mit zwei eigenen Alben huldigen. Andererseits beginnt Studer schon früh, die binäre Metrik des Rock mit der ternären Metrik des Jazz zu verbinden und sich insbesondere das polyrhythmische Spiel, also das Überlagern unterschiedlicher rhythmischer Muster, anzueignen. Hierzu verbringt er Stunden in seinem Proberaum im wilden Luzerner Musikzentrum Sedel. Zu seinem Markenzeichen wird dabei ein gelbes Gretsch-Schlagzeug. Bossart schreibt über den Musiker Studer, er sei «ein Macher, der jenseits von akademischer Verkopftheit und künstlerischem Dünkel mit weit offenen Ohren und Respekt für ganz verschiedene musikalische Traditionen immer wieder die Schlichtheit des Fadengraden und die Präsenz des Augenblicks» suche.

Schliesslich charakterisiert Bossart seinen Musikerfreund auch als Mensch: Dieser habe sich neben der Musik für Kunst, Literatur und Philosophie interessiert, sich mit dem gesellschaftlichen und politischen Zeitgeschehen beschäftigt. Pointiert vertritt Studer seine Meinung, eckt schon mal an, streitet und versöhnt sich. Das «Schwammige und Abgehobene» seien seine Sache nicht, «lieber direkt, statt mehrheitsfähig-geschliffen, dafür ehrlich und anfechtbar». Dieses Aufrichtige und Unverfälschte klingt in seiner Musik nach – und spiegelt sich augenscheinlich in der Porträtserie auf ZentralGut wider.

Literaturnachweis

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