Berge, Bahnen, Bauten

Von Marc Ribeli, 28. Januar 2026

2. Juni 1882. Ein Tag nach der fahrplanmässigen Inbetriebnahme der Gotthardbahn. Der in Italien akkreditierte Schweizer Minister Giovanni Battista Pioda übergibt dem italienischen König Umberto I. ein Album mit eindrücklichen Fotografien. Es zeigt eine Gesamtschau der brandneuen Alpentransversale und führt vor Augen, was in zehn Jahren Bauzeit im unwegsamen Gelände der Alpen geschaffen worden ist. Zusammen mit dem Album überreicht Pioda einen Dankesbrief: Er würdigt die guten Beziehungen der Schweiz zum Nachbarland Italien und bedankt sich für dessen finanzkräftige Beteiligung am Werk. Die gute europäische Zusammenarbeit ist das Fundament für die Entstehung der international bedeutsamen Linie. Nachdem der italienische König das Album mit den bautechnischen Meisterleistungen umfassend studiert hat, verkündet er zum Schweizer Minister gewandt: «Wir waren Freunde, wir sind es und wir werden es immer sein.»

Ob die fotografischen Ansichten im Album die pathetischen Worte von Umberto I. befeuert haben, lässt sich nicht belegen. Belegt ist jedoch, dass es sich um Fotografien von hoher Qualität handelt. Sie stammen vom Unternehmen Adolphe Braun et Cie., einer der einflussreichsten Fotoanstalten des 19. Jahrhunderts. Der aus dem elsässischen Dornach stammende Unternehmer Adolphe Braun etablierte mit kaufmännischem Geschick und einem Gespür für innovative Fotoverfahren ein global agierendes Unternehmen. Bekanntheit verschafft sich die Firma etwa durch Aufnahmen von Papst Pius IX., der Eröffnung des Suez-Kanals oder Reproduktionen von Kunstwerken aus den bekanntesten Museen Europas. In dieses Portfolio fügt sich die fotografische Dokumentation eines Jahrhundertbauwerks wie der Gotthardbahn bestens ein. Und vor dem Hintergrund der internationalen Strahlkraft der neuen Alpenbahn überrascht es kaum, dass die Gotthardbahn bei der Vermarktung des Jahrhundertbauwerks auf eine Firma mit Weltruf setzt.

Die Gotthardbahn-Gesellschaft hat genaue Vorstellungen davon, was die Bilder zeigen sollen. Sie unterteilt die Strecke in verschiedene Abschnitte und identifiziert für jeden Abschnitt mögliche Motive: 20 für Wassen, elf für Brunnen und je acht für Göschenen, Airolo, Faido und Bellinzona. Angefertigt werden die Bilder von Gaston Braun, Sohn des Firmengründers Adolphe Braun, in den Jahren 1881 und 1882. Die Bahngesellschaft erteilt ihm und zwei begleitenden Operateuren das Recht zur kostenlosen Beförderung auf der neuen Eisenbahnlinie bis Ende Mai 1882. Die Bilder machen deutlich, dass das Pionierbauwerk hauptsächlich anhand der spektakulären Bauten gezeigt werden soll: Brücken, Tunnelportale, Schutzbauten, Installationsanlagen, Stationsgebäude. Die Aufnahmen widerspiegeln gleichzeitig die grossen Landschaftsveränderungen, die der Bahnbau im Alpenraum mit sich bringt. Anstelle einer erhabenen, natürlichen Landschaft tritt das technisch Machbare in den Vordergrund. Die Gotthardbahn wird als Sinnbild des Fortschritts in den Alpen gezeigt, als Sieg der Technik. Was hingegen kaum fotografiert wird sind Maschinen, Lokomotiven oder Arbeiter.

Der Triumph der Technik entwickelt sich in der Fotografie der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend zum beliebten Motiv. Lange Zeit sind hauptsächlich wirklichkeitsgetreue Wiedergaben von Landschaften, sogenannte Veduten, en vogue. Mit dem Aufstieg des Gebirgstourismus treten jedoch neue Infrastrukturen wie Dampfschifflinien, Hotels, Berg- und Eisenbahnen in der Landschaft hervor. Diese werden damit zunehmend zum fotografischen Gegenstand. Die beschleunigte Bildproduktion und die einfachere Verbreitung machen Fotografien zum globalen Massenmedium – und fördern damit die Bekanntheit der Schweiz und des Alpentourismus. Tourismus, Eisenbahnbau und Fotografie sind eng verzahnt und verstärken sich gegenseitig.

Auch Gaston Braun kombiniert die ästhetische Berglandschaft mit der menschgemachten Infrastruktur: Bei einer Aufnahme der Rohrbachbrücke wird neben dem spektakulären Kunstbau auch dem grossartigen Wasserfall ein prominenter Platz eingeräumt. Die lange Belichtungszeit fängt die Fliessbewegung des Wasserfalls auf. Auf dem Bild sind zudem Operateure des Fotografenteams auf verschiedenen Ebenen postiert. Sie dienen als Massstabsfiguren, die die Grösse des Dargestellten und die Erhabenheit von Brücke und Wasserfall besser vor Augen führen. Zudem bestätigen sie den Betrachtenden der Fotos die Sehenswürdigkeit des Ortes.

Die majestätische Erhabenheit der Alpen zeigt sich auch im Abschnitt Brunnen, wo Grosser und Kleiner Mythen das Bild gegen den Horizont hin abrunden. Das Genre der Alpenfotografie beherrscht Braun bestens, in den 1860er-Jahren fertigt die Firma die sogenannten «Vues de Suisse» an, Motive einer idyllischen Schweiz, die 1862 erstmals auf der Weltausstellung in London präsentiert werden. Alpenbilder sind ein populäres Medium, der Markt für Fotografien aus den Schweizer Alpen ist umkämpft. Mehrere Firmen konkurrierten um die Gunst der Kundschaft. Schweizer Unternehmen können mit der ausländischen Konkurrenz anfangs kaum mithalten, holen aber stetig auf. Bei der Ausschreibung der Gotthardbahn für das Anfertigen von Aufnahmen der neu erstellten Strecke reichen auch zahlreiche renommierte Schweizer Fotofachgeschäfte Offerten ein: Charnaux aus Genf, Linck aus Winterthur, Brunel aus Bellinzona oder Gabler aus Interlaken.

Von den noch in der Bauzeit eingereichten Offerten ist jene von Braun die zweitteuerste. Dennoch bekommt das Unternehmen den Zuschlag. Es ist anzunehmen, dass die Firma Braun aufgrund der internationalen Bekanntheit und ihrer qualitativ hervorragenden Produkte den Vorzug erhält. Im Sommer 1881 schliesst die Gotthardbahn-Gesellschaft mit der Firma einen Vertrag ab. Die Gotthardbahn verpflichtete sich zur Abnahme von 7000 Einzelfotos im Silberdruck zu einem Preis von zwei Franken pro Bild. Braun verspricht die Lieferung bis Anfang Juni 1882. Ein knappes Jahr muss reichen, um die Aufnahmen zu erstellen, zu entwickeln und zu liefern.

Auf den Liefertermin fertigt die Firma Braun auch 50 Kollektionen mit grossformatigen, repräsentativen Fotografien der gerade fertiggestellten Alpenbahn an. Sie werden von der Gotthardbahn-Gesellschaft an internationale Würdenträger übergeben. So geht je eine Kollektion an den italienischen König, den deutschen Kaiser, Alfred Escher sowie Fürst Bismarck. Auch die sieben Mitglieder des Schweizerischen Bundesrats, und die Mitglieder des Verwaltungsrats der Gotthardbahn erhalten ein eigenes Exemplar. Und auch Minister Pioda, der den italienischen König am 2. Juli 1882 besucht, erhält ein Exemplar. Zugleich sind die Fotos aber auch für den Verkauf vorgesehen. Die Bilder werden sowohl von der Gotthardbahn wie auch von Adolphe Braun & Cie. verkauft, in deren Eigentum die «Cliches» bleiben.

Die Bilder finden 1882 somit einen breiten Absatz. Heute finden sich viele Spuren der von Braun angefertigten Fotografien in verschiedenen Archiven und Bibliotheken. Aus dem Archiv der ehemaligen Gotthardbahn sind mit Golddruck versehene Fotoalben und Kollektionen grossformatiger Spezialanfertigungen überliefert. Die Bildersammlung wurde von SBB Historic digitalisiert und über den Archivkatalog sowie Wikimedia Commons zur Verfügung gestellt. Dank der Zusammenarbeit zwischen SBB Historic und ZentralGut und der Übernahme einer Auswahl der digitalisierten Fotografien können die eindrücklichen Zeugnisse der schweizerischen Verkehrsgeschichte nun auch im Kontext des zentralschweizerischen Kulturguts entdeckt, erforscht und weiterverwendet werden.

 

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