«Schöner werd’ ich nimmermehr». Frühe fotografische Porträts der ZHB Sondersammlung

Von Nicole Eller Risi, 23. Juni 2026

«Schöner werd’ ich nimmermehr» – mit diesen selbstironischen Worten kommentierte Louise Albiez ihr eigenes Porträt auf einer kleinen Fotografie, einer sogenannten Carte de Visite. Das Porträt von Louise Albiez ist Teil der rund 3500 Fotografien umfassenden Sammlung von Porträts aus der ZHB Sondersammlung, die sich identifizieren lassen. Der überwiegende Teil dieser Aufnahmen entsteht ab den 1850er-Jahren in Luzerner Fotoateliers und gibt aufschlussreiche Einblicke in die Anfänge der Porträtfotografie.

Die Anfänge der Fotografie

Ein Ausgangspunkt für die Geschichte der Fotografie lässt sich 1826 mit der ersten dauerhaft erhaltenen Aufnahme des Franzosen Joseph Nicéphore Niépce (1765–1833) festmachen. Die Aufnahme zeigt den Blick aus seinem Arbeitszimmer im burgundischen Le Gras. Mit der Erfindung der Daguerreotypie im Jahr 1839 verbreitet sich die Fotografie rasch von Frankreich aus über ganz Europa.

Besonders die Porträtfotografie trägt entscheidend zum Erfolg des neuen Mediums bei. Die anfänglich gebräuchlichen Daguerreotypien und Ambrotypien waren noch teure Unikate. 1854 patentiert Adolphe-Eugene Disdéri (1819–1889) die sogenannte Carte de Visite, ein auf Karton aufgezogenes, standardisiertes Format von ca. 6x9 cm. Mit dem neuen Verfahren können Fotografen beliebig viele und günstige Abzüge herstellen. Ab den 1860er-Jahren werden Cartes de Visite millionenfach hergestellt, gesammelt und getauscht. Endlich steht für Erinnerungsbilder eine weniger kostspielige Alternative zur Porträtmalerei zur Verfügung. Das Porträt im Kleinformat kommt in Mode – und wird zur beliebten Form persönlicher Repräsentation.

Fotografenateliers in Luzern

Auch in Luzern reagieren zahlreiche Fotografen auf die Nachfrage – der aufkommende Tourismus leistet dieser Entwicklung zusätzlichen Vorschub. Unter den in Luzern ansässigen Fotografen spielen Jules Bonnet (1840–1928), sein Nachfolger Caspar Hirsbrunner (1865–1925) sowie die Brüder Arthur (1857–1920) und Emil Synnberg (1866–1934) eine bedeutende Rolle. In ihren Ateliers porträtieren diese Fotografen Familien, Würdenträger, Militärs, Studenten oder frisch verheiratete Paare. Mit Kulissen, Balustraden, Möbeln, Vorhängen und Requisiten setzen sie ihre Kundschaft dabei gekonnt in Szene.

Ein Blick in die Ateliers

Josefine Crivelli – porträtiert von Jules Bonnet (ca. 1865)

Josefine Crivelli, geborene Meyer von Schauensee (1812–1874), sitzt mit einem Buch in der Hand vor einer schlichten Kulisse im Fotoatelier von Jules Bonnet. Hinweise zur Datierung der Aufnahme gibt der Fotografenstempel mit der Adresse Äussere Weggisgasse 53 auf der Rückseite. Dort eröffnet Bonnet 1863 sein erstes fotografisches Atelier. In einer Anzeige im Luzerner Tagblatt vom 31. Mai 1863 bewirbt er seine Arbeit selbstbewusst:

«Im Besitze von Apparaten allerneuester Konstruktion, bin ich in Stand gesetzt, Porträts auf Papier, Glas, Wachseinwand in allen Grössen sehr rein und scharf zu erzeugen; wie denn auch hauptsächlich die so beliebten Visiten-Karten […].»

Ende der 1860er Jahre zieht Bonnet an die touristisch attraktivere Zürcherstrasse 50 (heute Zürichstrasse). Die Aufnahme von Josefine Crivelli gehört also zu den frühen Werken des noch jungen Fotografen. Bonnet avanciert in den folgenden Jahren zu einem der gefragtesten Fotografen Luzerns. So stammt das berühmte, skandalös inszenierte Porträt (1882) von Lou von Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche aus seinem Atelier.

Oscar Balthasar als Hochsee-Matrose (ca. 1880–1890)

Oscar Balthasar (1843–1894) verbringt als junger Mann einige Jahre auf See. 1867 kehrt er in seine Heimat zurück und wird Kapitän der Dampfschiff-Gesellschaft Vierwaldstättersee. Er steigt in der Gesellschaft auf, macht eine gute Heirat und wird in den Stadtrat gewählt. In seinem Tagebuch «Freuden und Leiden eines Schiffsjungen» schildert er eine Reise von Bremen nach Birma (Myanmar). Wahrscheinlich anlässlich dieser Publikation lässt er sich als Hochseematrose im Atelier Burkhardt ablichten. Über den Fotografen Jodok Burkhardt ist wenig bekannt, sein Atelier befand sich bis in die 1890er-Jahre in Luzern.

Rosetta und Rita Bossi (ca. 1896)

Mit Hasenfellmuffs und übergrossen Haarschleifen stehen die Geschwister Rosetta und Rita Bossi im Kabinettporträt (die etwas grössere Variante der Carte de Visite) zwischen gestapelten Pelzmänteln und einem schweren Brokatvorhang – und wirken fast ein wenig verloren. Stillsitzen oder ruhig stehen ist bekanntlich für Kinder besonders schwierig und gilt in der Frühzeit der Fotografie als besondere Herausforderung. Umso bemerkenswerter ist die Aufnahme der beiden Kinder – sie ist nämlich gestochen scharf. Das Bild zeigt anschaulich, wie sich die Porträtfotografie entwickelt hat: Von anfänglich hintergrundlosen Porträtaufnahmen zu abwechslungsreicheren Posen mit aufwändigen Requisiten oder Möblierungen. Die Fotografen bedienen sich auswechselbarer Kulissen und Leinwände, um den wachsenden Ansprüchen der Kundschaft gerecht zu werden.

Die «Kartomanie» endet

Ab etwa 1915 verlieren Cartes de Visite und Kabinettporträts rasch an Bedeutung. Verbesserte Fotopapiere machen die Kartonträger überflüssig, und tragbare, einfach zu bedienende Kameras kommen auf den Markt. Das Fotografieren wird zunehmend privat – und alltäglich.

Neugierig auf mehr?

Die Porträts der ZHB Sondersammlung werden fortlaufend erschlossen und auf ZentralGut zugänglich gemacht.

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