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Sentipost (2/2022)

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Nutzungslizenz

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Deskriptive Daten

fullscreen: Sentipost (2/2022)

Zeitschrift

Titel:
Sentipost
Untertitel:
die Quartierzeitung aus dem Untergrund
Sammlung:
Luzerner Stadt- und Quartierzeitungen
Dokumenttyp:
Zeitschrift
Erscheinungsort:
Luzern
Signatur:
P.b 1688
F1.pa 136

Zeitschriftenband

Titel:
Sentipost
Sammlung:
Luzerner Stadt- und Quartierzeitungen
Dokumenttyp:
Zeitschriftenband
Erscheinungsdatum:
2022
Datierung:
2022
Bandzählung:
2/2022
Kanton:
Luzern
Permanente ID:
ark:/63274/zhb1x38p
Lizenz:
In Copyright 1.0

Artikel

Titel:
Gedanken zu Heimat und Flucht
Urheber*in:
Abdulkadir, Feysal
Sammlung:
Luzerner Stadt- und Quartierzeitungen
Dokumenttyp:
Zeitschrift
Strukturtyp:
Artikel

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Sentipost
  • Sentipost (2/2022)
  • Titelseite
  • Feiert mit uns!
  • 20 Jahre BaBeL
  • Gedanken zu Heimat und Flucht
  • Agenda

Volltext

PORTRAITsentipost 
nr. 
2/22– 3 – 
Gedanken zu 
Heimat und Flucht 
von Feysal Abdulkadir 
Es ist schwer, eine Heimat zu verlieren 
und eine neue Heimat zu finden. Ich habe 
meine Heimat verlassen, um mein Leben 
zu retten. Ich war ganz jung, als ich mein 
Heimatland verlassen musste. Jetzt lebe 
ich in einem Land, das Freiheit hat. Hier, 
in diesem freien Land lebe ich seit Ende 
2016 und hier fühle ich mich an einem 
sicheren Ort. 
Chancengleichheit bedeutet für mich, 
dassalle Menschen die gleichen Chancen 
haben. Dem steht meist die reale Chan- 
cen verteilung gegenüber, bei der soziale 
Po sitionen, Lebensperspektiven und indi - 
viduelle Freiheiten durch die Zugehörig - 
keit zu einer Gruppe bestimmt werden, 
in die man hineingeboren oder hineinge- 
kommen ist. 
Mein Weg von Äthiopien… 
Ich bin als äthiopischer Staatsbürger in 
Adaba Shashemane in der West Arsi Zone 
am 24. März 2000 geboren. Dort habe ich 
bis zur Ausreise zusammen mit meiner 
Familie gelebt und habe die Schule bis 
zur 10. Klasse besucht. Mein Vater führte 
ein Hotel, in welchem auch meine Mutter 
mitarbeitete. 
Auf Wunsch eines Kollegen brachte ich 
im Jahr 2015 eine Tasche zu dessen Fa - 
milie. Der Bus, mit welchem ich unter- 
wegs war, wurde an einem Kontrollposten 
angehalten und Beamten durchsuchten 
alle Personen. In der Tasche meines Kol - 
legen wurde ein T-Shirt mit der Flagge 
der 
OLF1gefunden. 
Deswegen wurde ich 
inhaftiert. Weil schliesslich ein Lehrer für 
mich gebürgt hat, kam ich am 17. August 
2015 wieder frei. 
Ende des Jahres 2015 wurde ich von Mit - 
schülern angesprochen und über die kri- 
tische Situation der Oromo informiert. 
Das hat mich politisch sensibilisiert und 
ich entschied mich, bei den Vorbe rei tun - 
gen zu einer Demonstration mitzuwirken. 
So bereitete ich Plakate vor und mobili- 
sierte andere Schüler. Am 25. De z em ber 
2015 fand eine erste Demonstra tion statt. 
Es waren sehr viele Personen anwesend. 
Bald schon aber wurde ich von der Polizei 
angehalten. Diese setzte Rauch bomben 
und Tränengas ein und schoss in die 
Menge. 
Zwei Tage später fand eine weitere De - 
mon stration statt, an der ich ebenfalls 
teilnahm. Erneut marschierten Polizisten 
auf und zogen sogar Verstärkung aus an - 
deren Städten hinzu. Es wurde wieder in 
die Menge geschossen und es gab Ver - 
letzte und sogar Tote. Die Demonstration 
wurde eingekesselt und nur mit Glück 
schaffte ich es zu fliehen. 
Am 30. Dezember 2015 suchten Polizisten 
mich zu Hause auf. Ich wurde geschlagen 
und mitgenommen. Man brachte mich 
ins Gefängnis in Shashemanet, wo ich auf 
engstem Raum mit ungefähr 2000 ande- 
ren Gefangenen zusammengelebt habe. 
Die Haftbedingungen waren schlecht und 
ich wurde misshandelt. Es wurde mir vor- 
geworfen, andere Schüler gegen die Re - 
gie rung aufgehetzt zu haben. Später wur- 
den ich und ungefähr zwanzig anderen 
Personen – darunter drei weitere Organi - 
satoren der ersten Demonstration – sepa- 
riert. Wir wurden immer wieder verhört 
und geschlagen. 
Schliesslich warnte ein mir wohlgesonne- 
ner Gefängnisbeamter mich und meine 
Kollegen, dass wir wohl mit einer sehr 
langen Haft rechnen müssten, respektive, 
dass ich in ein anderes Gefängnis verlegt 
werden könnte. Aus Angst beschlossen 
ich und meine Mitinsassen, zu fliehen. Es 
gelang uns, uns gegenseitig hochzustem- 
men und so ein hochgelegenes Fenster 
ein zuschlagen. Wir alle kletterten durch 
das Fenster und flohen. Irgendwann wur - 
de unsere Flucht bemerkt und auf uns 
geschossen. Ich gehe davon aus, dass ei - 
nige Flüchtige erschossen worden sind. 
...in die Schweiz 
Ich kehrte nach Hause zurück, fühlte 
mich dort aber nicht mehr sicher, wes- 
halb ich zu meinem Onkel nach Addis 
Abeba ging. Wenige Tage später erfuhr 
ich, dass ich tatsächlich wieder gesucht 
worden bin. Offenbar stehe mein Name 
auf einer Liste von gesuchten Personen. 
Deshalb entschied ich mich, das Land zu 
verlassen. Am 22. März 2016 gelangte ich 
illegal über das Meer nach Italien und 
reis te dann weiter in die Schweiz, wo ich 
am 26. Juni angekommen bin. 
Feysal Abdulkadir ist freiwillig im 
Sentitreff und im Arbeitslosen-Treff 
engagiert. Die Schweiz hat ihm bis 
heute kein Asyl gewährt. 
Dieser Text wurde im Januar dieses 
Jahres im Rahmen einer Schreib werk - 
statt im Sentitreff verfasst. Er 
ist Teil des vom Philosophen Simon 
Kräuchi betreuten Projektes 
‹Fluchtgeschichten›, das Reflexionen 
geflüchteter Menschen in der 
Schweiz sammelt und publiziert: 
philosophie.ch/fluchtgeschichten 
Vom Fliehen und Ankommen (I) 
1Die Oromo Liberation Front (OLF) ist eine militante politische Bewegung, die sich seit den 1960er-Jahren 
für die Unabhängigkeit der Oromo-Bevölkerung im südlichen Äthiopien vom äthiopischen Zentralstaat einsetzt. 
Die äthiopische Regierung verfolgt Unabhängigkeitsbestrebungen von Oromo mit grosser Repression.
	        

Institution

 
Zentral-und Hochschulbibliothek Luzern

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