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Gasseziitig Lozärn (September 2010, Nr. 43)

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Deskriptive Daten

fullscreen: Gasseziitig Lozärn (September 2010, Nr. 43)

Zeitschrift

Titel:
Gasseziitig Lozärn
Sammlung:
Luzerner Stadt- und Quartierzeitungen
Dokumenttyp:
Zeitschrift
Erscheinungsort:
Luzern
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern
Signatur:
Z.d 116
F1.pa 144
H 132

Zeitschriftenband

Titel:
Gasseziitig Lozärn
Sammlung:
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern
Dokumenttyp:
Zeitschriftenband
Erscheinungsdatum:
2010
2010-09
Bandzählung:
September 2010, Nr. 43
Permanente ID:
ark:/63274/zhb14h5k
Lizenz:
In Copyright 1.0

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Gasseziitig Lozärn
  • Gasseziitig Lozärn (September 2010, Nr. 43)

Volltext

Kokain ist der Teufel 
GasseZiitigLozärnSeite 
5     Nr. 43    September 2010 
mich auch auf Fehler in meinem 
Verhalten hinweisen, die ich von 
einer Therapeutin oder einem The- 
rapeuten niemals akzeptiert hät- 
te, obwohl diese sehr gut waren. 
Auf keine Fall will ich behaupten: 
Verbote sind zum Brechen da und 
deshalb absolut nutzlos. Regeln 
braucht es für Menschen, die nicht 
mit ihrer Freiheit umgehen kön- 
nen – für deren Schutz und den 
Schutz ihrer potenziellen Opfer. 
Ich behaupte, dass jeder seinen ei- 
genen Weg finden muss. Wenn der 
funktioniert und weder einem selbst 
noch anderen schadet, ist es auch 
der richtige. Egal welche Gesetze 
die Gesellschaft aufstellt. So ist es 
auch mit den Drogen. Keine einzige 
Repression hat mich je daran ge- 
hindert, Drogen zu missbrauchen, 
im Gegenteil. Ich bin darum davon 
überzeugt, dass man alle Drogen 
legalisieren muss, bin aber genauso 
sicher, dass ich das nicht mehr er- 
leben werde. 
Kokain gerade noch 
überlebt 
Wie schwierig dieses Thema ist, 
möchte ich am Beispiel Kokain auf- 
zeigen. Mach einer wird sich nach 
diesem Artikel sagen, dass man die- 
se Drogen auf keinen Fall legalisie- 
ren darf. Er sollte aber auch wissen, 
dass an den bekannten Orten in 
Luzern täglich viel Kokain für viel 
Geld umgesetzt wird. 
Ich bin in der glücklichen Situati- 
on, dass ich im Heroinprogramm 
bin. Vor allem am Anfang des 
Programms hatte ich aber immer 
wieder Probleme mit Kokain und 
dadurch trotzdem noch ein Dro- 
genproblem. In drei Jahrzehnten 
Drogenkarriere habe ich Kokain 
geschnupft, geraucht und gefixt – 
in Mengen, die man gerade noch 
überlebt. Weil das immer wieder 
himmeltraurig elend war, habe ich 
für den Artikel diesen krassen Titel 
gewählt. Ich habe in den schlimms- 
ten Zeiten monatelang mit grossen 
Mengen Heroin hantiert, ohne total 
kaputt zu gehen. Sobald aber Koka- 
in ins Spiel kam, war ich nach weni- 
gen Wochen dem Tod sehr nah. Ich 
will darauf hinweisen, wie aktuell 
diese Droge in unserer immer stres- 
sigeren Welt ist. Ich will schildern, 
was es heisst, dieser Droge verfallen 
zu sein, und was für verschiedene 
Formen von Drogenabhängigkeiten 
es in der Drogenszene gibt. 
«Scarface» 
Kokain wird oft als Wohlstandsdro- 
ge bezeichnet und bei Managern, 
Bankern und Leuten aus der Un- 
terhaltungsbranche wird die Drroge 
verharmlost. Diese Tage sah ich ein 
Interview mit Al Pacino vor Schau- 
spielstudenten. Seine eindrück- 
lichen Rollen in verschiedenen 
Filmen wurden kommentiert. Als 
«Scarface» an der Reihe war, brach 
unter den Schauspielstudenten to- 
sender Applaus los. Wer «Scarface» 
gesehen hat, muss hier nicht mehr 
weiter lesen. Kokain fasziniert an- 
scheinend. Dieser Film zeigt un- 
glaublich echt, was Kokain aus 
einem Menschen machen kann. Ich 
versuche jetzt meine Erfahrungen 
zu schildern und weil diese so wild, 
gefährlich und «Scarface» waren, 
werde ich hier den Pfad der sau- 
beren Grammatik verlassen, in der 
Hoffnung trotzdem verständlich zu 
bleiben: 
Koks in heroinfreien Jahren niemals 
ohne beruhigenden Alkohol 
am Schnapsdelirium vorbeige- 
schrammt 
nur am Wochenende als Belohnung 
für die harte Arbeitswoche 
könnte stundenlang plappern 
meistens miese Qualität 
alle drei, vier Monate gut 
um das nicht zu verpassen: täglich 
Sch…  gekauft 
mit Valium und Heroin geschnupft 
und gefixt 
deshalb zusätzliche Abhängigkeit 
nur der erste Schuss wirklich 
euphorisch 
dann noch 30 in einer Nacht für 
1000 Franken 
Venen kaputt, suche eine Stunde 
für einen Schuss 
überall Blut 
30 Minuten euphorisch 
fünf Stunden herzrasend durch den 
Wald gerannt 
und eine Nacht schlaflos 
depressiv 
Geldsparen – dealen, gestresst 
Hosensack voll 20er Noten 
Wow ist das geil 
alle total verladen und niemand 
fröhlich 
Kontrolle verloren 
fünf Gramm selber konsumiert und 
nichts verkauft 
Rollladen runter, Schlüsselloch 
verstopfen 
verzweifelte Suche nach dem ver- 
steckten Koks 
das bereits konsumiert wurde 
Mist, das war zu viel 
hebe ab, wo ist oben, wo unten 
in einer Nacht das Geld für einen 
Monat Lebensunterhalt weg 
kannst du mir etwas pumpen 
ich bin so blöd 
Heute ist’s mal wieder wirklich gut 
Bankomat, Baselstrasse, Bankomat 
verfügbar Fr. 0.- 
nie mehr, nie mehr, nie mehr 
Hallo, hast du was? 
Schluss…     
                        Kurt B. 
*Name geändert 
Bild: zvg Die Begegnungen in der GasseChuchi waren eine besondere Erfahrung für Jan Bühlmann (rechts). 
Kokain macht Konsumenten in kurzer Zeit schwer abhängig.     
            
  «Nie hätte ich gedacht...» 
Es war ein aussergewöhnlicher Tag, 
der Dienstag, 10. August, weil mir 
eine einmalige Gelegenheit gebo- 
ten wurde: Der Einblick in einen 
Abschnitt aus dem täglichen Le- 
ben der Randständigen – ein Be- 
such in der GasseChuchi Luzern. 
Als ich im Gebäude eintraf, gab es 
einige wenige verdutzte Gesichter, 
die sich über meine Anwesenheit 
wunderten oder ärgerten. Lange 
dauerten diese skeptischen Blicke 
jedoch nicht und schon wendete 
man sich wieder seinen Beschäfti- 
gungen zu. Richtig verstanden: Be- 
schäftigungen. Denn es war nicht 
eine abgedroschene Stimmung, wie 
man es sich ausmalen könnte. Nein, 
es war ein gemütliches Beisammen- 
sein, Austauschen, Unterhalten und 
sich gegenseitig beim Tischfussball 
herausfordern. 
Menschliche, normale 
Stimmung 
Nie hätte ich gedacht, dass in 
einem Haus, in dem man Drogen 
zu sich nehmen kann – in einem 
Haus, das oft mit ängstlicher 
Skepsis und durchbohrenden Bli- 
cken jener betrachtet wird, die 
Randständige als Unmenschen 
herablassen – eine solch mensch- 
liche und total normale Stimmung 
herrschen könnte. In keiner Weise 
fühlte ich mich unwohl. Eher war 
ich, von meiner Überraschung 
getrieben, angetan und gerührt 
über die Erkenntnis, dass Rand- 
ständige ganz normale Menschen 
sind. Menschen, die sich über eine 
Niederlage beim Tischfussball 
nerven, Personen die zur Arbeit 
gehen und sich über Politthemen 
aufregen, Individuen, die sich 
sogar Zeit nehmen, sich einen 
Schönheitswettbewerb im Fernse- 
hen anzuschauen. 
Froh um die Erfahrung 
Der einzige Unterschied, der zu 
einem ganzzeitig in die Gesell- 
schaft Integrierten besteht, ist die 
Ausschöpfung des Suchtpoten- 
zials des betroffenen Drogenab- 
hängigen. Dieses Potenzial liegt 
in jeder Kreatur dieser Erde. Dem- 
nach treibt nichts Unmenschliches 
oder Neuartiges diese Personen, 
die das Angebot der GasseChuchi 
benutzen, in die Fixerräume die- 
ser Institution. Es sind mensch- 
liche Triebe, die in jedem von uns 
schlummern. Wenn man sich das 
vor Augen führt, hoffe ich, begeg- 
net man das nächste Mal einem 
sogenannten Randständigen auf 
eine andere Weise. Ich war froh 
um die positive Erfahrung. Vielen 
Dank für das Angebot.         
Jan Bühlmann 
Mister Schweiz Jan Bühl- 
mann stand für einmal 
hinter dem Tresen der 
GasseChuchi. Nun schil- 
dert er seine Erfahrung, 
die für ihn überraschend 
positiv ausfiel. 
Bild: Fotolia
	        

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