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Gasseziitig Lozärn (Mai/Juni 2013, Nr. 51)

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Deskriptive Daten

fullscreen: Gasseziitig Lozärn (Mai/Juni 2013, Nr. 51)

Zeitschrift

Titel:
Gasseziitig Lozärn
Sammlung:
Luzerner Stadt- und Quartierzeitungen
Dokumenttyp:
Zeitschrift
Erscheinungsort:
Luzern
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern
Signatur:
Z.d 116
F1.pa 144
H 132

Zeitschriftenband

Titel:
Gasseziitig Lozärn
Sammlung:
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern
Dokumenttyp:
Zeitschriftenband
Erscheinungsdatum:
2013
2013-05
Bandzählung:
Mai/Juni 2013, Nr. 51
Permanente ID:
ark:/63274/zhb1769s
Lizenz:
In Copyright 1.0

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Gasseziitig Lozärn
  • Gasseziitig Lozärn (Mai/Juni 2013, Nr. 51)

Volltext

GasseZiitigLozärn 
Seite 4        Nr. 51       Mai/Juni 2013 
1970 wurde ich im Kantonsspi- 
tal Luzern geboren. Meine Mutter, 
eine alkohol- und tablettensüchtige 
Prostituierte, brachte mich bei ver- 
schiedenen Tagesmüttern unter. Ir- 
gendwann hat sie mich nicht mehr 
abgeholt. Meine Grosselten nahmen 
mich dann einige Zeit bei sich auf. 
Ich kam nachher wieder zu meiner 
Mutter. Da diese nachts auf dem 
Strich arbeitete und am Tag schlief, 
war ich immer allein. Nach einigen 
Wochen holte mich meine Gotte 
raus und ich kam definitiv zu mei- 
nen Grosseltern. 
Mein Grossvater ist früh verstor- 
ben. Ich war damals etwa drei Jahre 
alt und war dann mit meiner Gross- 
mutter allein. Sie war eine sehr lie- 
be, aber strenge Frau. Sie verbot 
mir alles, da sie grosse Angst hatte, 
ich würde wie meine Mutter enden. 
Kontakte zu den Eltern 
Ich hatte mit meiner Mutter zwar 
Kontakt, aber keinen intensiven. 
Mit meinem Vater hatte ich lange 
gar keinen Kontakt, weil es hiess, er 
wäre schuld, dass es meiner Mutter 
so schlecht ging. Ich musste ver- 
sprechen, mit meinem Vater nichts 
zu tun zu haben. 
Irgendwann hat er angerufen und 
mich zu ihm in die Ferien eingela- 
den. Es hat mir sehr gefallen und 
ich habe gemerkt, dass er eigent- 
lich sehr nett war. Wieder zurück 
bei meiner Grossmutter habe ich 
dauernd gehört, mein Vater sei ein 
«Sauhund» und andere schlimme 
Sachen. Ich hatte dann jahrelang 
keinen Kontakt mehr mit ihm. 
Pflegefamilie und WG 
Als ich achtzehn Jahre alt war, starb 
mein Grosi. Sie hatte Wasser auf der 
Lunge und war erst 61 Jahre alt. 
Ich blieb allein in der Wohnung, 
kam aber nicht zurecht. Ich lud 
dauernd Leute ein, um mich abzu- 
lenken. Denn ich war einfach froh, 
wenn jemand anwesend war. Ich 
habe dann auch mit dem Kiffen an- 
gefangen. 
Anschliessend kam ich in eine 
Pflegefamilie nach Meggen. Es wa- 
ren sehr liebe Leute. Aber als sie 
merkten, dass ich kiffe, musste ich 
gehen. Durch die «Jugendberatung 
Contact» kam ich in eine WG. 
Heroin spritzen 
In der WG kam ich durch eine Mit- 
bewohnerin mit Heroin in Kontakt. 
Mit zwanzig habe ich dann ange- 
fangen zu spritzen. 
Ich hatte verschiedene Jobs, als 
Verkäuferin, als Putzfrau usw. Nir- 
gends blieb ich lange. Wenn ich auf 
Entzug kam, ging ich einfach nicht 
arbeiten. Dann wurde ich natürlich 
rausgeworfen. Irgendwann habe 
ich mit meiner Mitbewohnerin nur 
noch gedealt, um unsere Drogen zu 
finanzieren. 
Aus der WG geflogen 
In dieser Zeit habe ich meine Mut- 
ter kaum gesehen. Als ich dann 
auf Drogen abgestürzt war, riefen 
meine Verwandten meinen Vater an 
und verlangten, er müsse für mich 
schauen. Er meinte, dass er früher 
nicht zu mir schauen durfte und 
jetzt auch nicht wolle. 
Ich musste dann Urinproben abge- 
ben, um in der WG bleiben zu kön- 
nen. Zuerst tat ich das, später aller- 
dings nicht mehr. Ich bin deswegen 
aus der WG geflogen und kam in 
ein sozialpädagogisches Wohn- 
heim. Dort lernte ich meinen zu- 
künftigen Mann Reto* kennen. Wir 
blieben vierzehn Jahre zusammen. 
Zuerst aber wurden wir getrennt. Er 
kam in ein anderes Heim und ich 
zog bei einer Freundin und ihrem 
Freund ein. Dort habe ich nur noch 
konsumiert. Die Fensterläden wa- 
ren immer geschlossen. Wir wollten 
keine Sonne in der Wohnung. Es 
war katastrophal. Niemand hat 
geputzt oder aufgeräumt. Das Ge- 
schirr war mit Schimmel bedeckt, 
nur gruusig. 
Obdachlos und drogensüchtig 
Reto kam wieder nach Luzern. Weil 
meine Freundin nicht wollte, dass 
er bei uns wohnt, wurden wir ob- 
dachlos. Wir konsumierten beide 
Drogen und lebten auf der Eisen- 
gasse, wo damals die Drogenszene 
war. Geschlafen haben wir in Zug- 
depots oder draussen. 
Wir kamen ins Methadonpro- 
gramm und sind total auf Kokain 
abgefahren. Das Geld vom Sozial- 
amt haben wir in die Drogen um- 
gesetzt. Dann hatten Reto und ich 
dauernd Streit, sind aufeinander 
losgegangen und haben uns auch 
geschlagen. Es war sehr schlimm. 
Entzug und Therapie 
In der alten GasseChuchi an der 
Zürichstrasse hat uns dann Hans- 
jörg, ein Gassenarbeiter, motiviert 
einen Entzug zu machen. Von 
einem Tag auf den andern sind wir 
mit wenig Valium in der Tasche 
ins Tessin gegangen. Der Ort, wo 
wir damals wohnten, war sehr ab- 
gelegen. Wir hätten drei Stunden 
marschieren müssen, um irgendwo 
hinzukommen. 
Nachher waren wir ein Jahr in 
Therapie in Kulmerau. Ich hatte in 
dieser Zeit zwei Mal einen Absturz. 
Nach der Therapie wäre ich bei 
einem weiteren Absturz fast gestor- 
ben. Das hat dann endgültig ge- 
reicht. Ich habe ausser mit dem Kif- 
fen mit allem aufgehört. 
Gemeinsame Tochter 
Reto und ich haben uns eine Woh- 
nung gemietet. Ich habe von mei- 
ner IV gelebt, die meine Vormundin 
während der Therapie für mich be- 
antragt hatte. 
Wir wollten uns trennen, aber ich 
wurde schwanger. Und wir sind 
zusammen geblieben. Als Sina* 
auf die Welt kam, waren wir schon 
jahrelang sauber. Am Anfang ist 
es recht gut gegangen. Aber dann 
hatten wir dauernd Streit. Körper- 
lich ging es mir sehr schlecht. Ich 
hatte Hepatitis und habe 24 Stun- 
den fast nur erbrochen. Vieles war 
sicher psychisch. Wir haben uns 
dann getrennt. Unsere Tochter habe 
ich schweren Herzens Reto über- 
lassen. Es hat mir sehr weh getan. 
Aber es war vernünftiger. Unsere 
Tochter hat viel geweint und wollte 
unbedingt, dass wir wieder zusam- 
menkommen. 
Ich lernte einen neuen Mann ken- 
nen. Er hat nie etwas mit Drogen zu 
tun gehabt. Mir ging es gut, habe 
den Haushalt gemacht und war 
glücklich. 
Wieder täglicher Konsum 
Schon früher hatte ich heftige Rü- 
ckenschmerzen. Ich hatte eine Ope- 
ration und musste starke Schmerz- 
medikamente schlucken. 
Dann habe ich eine Kollegin ge- 
troffen, die nach siebenjähriger 
Drogenabstinenz wieder angefan- 
gen hat zu konsumieren. Ich war 
öfter mit ihr zusammen. Irgend- 
wann habe ich sie wegen einer Li- 
nie Heroin gefragt. Es war super, 
ich hatte plötzlich keine Schmerzen 
mehr und konnte sogar rumrennen. 
Am Anfang hatte ich es noch im 
Griff. Dann ist es häufiger gewor- 
den und das Flash hat mir wieder 
gepasst. So bin ich nach zwanzig 
Jahren ohne Drogen wieder abge- 
stürzt. Jetzt bin ich wieder soweit, 
dass ich wieder täglich Heroin kon- 
sumiere. 
Doppelleben 
Meine Beziehung ist auseinander- 
gebrochen und ich wohne jetzt al- 
lein. Mein Umfeld weiss nicht, dass 
ich wieder konsumiere. Ich führe 
ein Doppelleben, mache allen etwas 
vor. Meine Mutter hat sich mit 42 
Jahren das Leben genommen. Seit 
mein Vater Witwer ist, haben wir 
wieder Kontakt zueinander. 
Aufhören wegen der Tochter 
Eigentlich möchte ich wieder auf- 
hören mit den Drogen. Ich gehöre 
Lena* erzählt in einem 
Gespräch von ihrem sehr 
bewegten Leben, von 
ihrer schweren Kindheit 
und Jugend und den 
Versuchen, von den Dro- 
gen wegzukommen. 
Nach 20 Jahren ohne Drogen 
wieder abgestürzt 
Das Verlangen nach Heroin kann selbst nach mehreren Jahren Abstinenz wieder auftreten und zu einem erneuten Absturz führen.  Bild: Fotolia 
«Wir wollten keine Sonne in 
der Wohnung. Es war kata- 
strophal.» 
Lena 
Max, wie erlebst du die Men- 
schen, die du täglich in der   
GasseChuchi antriffst? 
Max: Unterschiedlich. Es kommt da- 
rauf an, was sie konsumiert haben. 
Was kannst du aufgrund dei- 
ner langjährigen Erfahrung mit 
der Luzerner Drogenszene den 
Neueinsteigern mit auf den Weg 
geben, damit sie sich zurecht 
finden? 
Meine Erfahrungen mit der Gas- 
seChuchi waren sehr positiv. Den 
Neueinsteigern kann ich nur ra- 
ten: Lasst die Finger vom Pulver, 
vom Heroin und dem Kokain. 
Wieso kommst du in die Gas- 
seChuchi und was machst du   
während deines Aufenthaltes? 
Ich komme wegen der Gesellschaft 
von einigen Personen; und um zu 
jassen und gelegentlich zum Essen. 
Wirst du auch in Zukunft jeden 
Tag kommen und deine Zeit   
hier verbringen? 
Ja, jedoch nach meinem Methadon - 
entzug etwas weniger. 
Danke für deine Offenheit   
und die Zeit. Und alles Gute   
für deinen Entzug. 
Interview: Bea 
ChuchiChopf 
Max  Bild: Gaz 
Hepatitis- und HIV- 
Prävention 
Flashbox am Automaten   
Saubere Spritzen, Ersatzna- 
deln, Alkoholtupfer, Wasser 
und ein Präservativ befinden 
sich in einer Flashbox. Diese 
kann rund um die Uhr für 
drei Franken an Automaten 
bezogen werden. 
Standorte der Automaten: 
- Rückseite des   
Luzerner Theaters 
- Seetalplatz   
auf Reussbühler Seite 
 Spritzentausch 
Die Kontakt- und Anlauf- 
stelle bei der GasseChuchi 
tauscht täglich von 10 bis 
17 Uhr gebrauchte Spritzen 
gegen neue. Zudem bieten 
diverse Apotheken in der 
Stadt und im Kanton Luzern 
den Spritzentausch an.
	        

Institution

 
Zentral-und Hochschulbibliothek Luzern

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