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Gasseziitig Lozärn (Herbst 2022 / Nr. 78)

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Deskriptive Daten

fullscreen: Gasseziitig Lozärn (Herbst 2022 / Nr. 78)

Zeitschrift

Titel:
Gasseziitig Lozärn
Sammlung:
Luzerner Stadt- und Quartierzeitungen
Dokumenttyp:
Zeitschrift
Erscheinungsort:
Luzern
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern
Signatur:
Z.d 116
F1.pa 144
H 132

Zeitschriftenband

Titel:
Gasseziitig Lozärn
Sammlung:
Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern
Dokumenttyp:
Zeitschriftenband
Erscheinungsdatum:
2022
Bandzählung:
Herbst 2022 / Nr. 78
Permanente ID:
ark:/63274/zhb1r38s
Lizenz:
In Copyright 1.0

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

  • Gasseziitig Lozärn
  • Gasseziitig Lozärn (Herbst 2022 / Nr. 78)

Volltext

Hause ein WC, das meistens abgeschlossen war und welches wir 
Kinder nie benutzten. Da habe ich einmal Spritzen und Löffel ge- 
funden. Ich dachte aber, diese Sachen brauche meine Mutter we- 
gen ihrer Krankheit. Das Paradiesgässli-Team hat mit mir über die 
Sucht meiner Eltern gesprochen und mich über Suchtmittel und 
ihre Folgen aufgeklärt. Mit meinen Eltern habe ich bis heute nie 
über ihren Drogenkonsum gesprochen. 
Was war besonders schwierig für dich? 
Dass meine Eltern nie ehrlich mit mir geredet haben. Der schlimm- 
ste Moment war, als die Polizei zu uns nach Hause kam und meine 
Eltern in Handschellen abgeführt wurden. Wir drei Kinder sind 
alleine in der Wohnung zurückgeblieben und wussten drei Tage 
nicht, was nun mit unseren Eltern und uns geschieht. Ich war zu 
diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt. 
Was hat dir in schwierigen Zeiten geholfen? 
Meine Tante und die Mutter meiner Freundin, die beide wussten, 
dass es meiner Mutter oft schlecht geht und zu denen ich immer 
gehen konnte. Und das Paradiesgässli. Dort konnte ich meine 
Hausaufgaben erledigen und dank den gemeinsamen Ausflügen 
war mir weniger langweilig. Jemand vom Listino Kids-Team (das 
Angebot für kleine Kinder vom Paradiesgässli) hat mich jede Wo- 
che zu Hause abgeholt. Später haben mir die vielen Gespräche 
über meine Familie und über die Sucht meiner Eltern geholfen. 
Ich hatte auch eine gute Lehrerin, die immer mal wieder gefragt 
hat, wie es zu Hause geht. Ihr habe ich von der Krankheit meiner 
Mutter erzählt, aber nie zu viel, da ich Angst hatte, sonst ins 
Heim zu müssen. 
Du bist mit 14 Jahren dann doch noch ins Kinderheim gekom- 
men. Wie ist es dazu gekommen und wie war das für dich? 
Es war kurz vor den Sommerferien. Ich glaube, ich bin zu dir 
gekommen und habe gesagt, dass ich ins Heim möchte. Ich 
wusste, dass es nach dem Vorfall mit der Polizei bei uns zu 
Hause sowieso so weit kommen würde. Es war für mich ein 
schwieriger Schritt. Zuerst war es sehr komisch im Heim. 
Sobald ich aber wusste, dass ich meine Eltern immer am Wo- 
chenende besuchen kann, hat sich eigentlich alles verbes- 
sert. Mein Alltag war strukturierter. Ich hatte regelmässig 
zu essen, konnte Sachen unternehmen und habe mehr für 
die Schule gemacht. 
Wie sieht dein Leben momentan aus? 
Ich fange nach den Sommerferien meine Lehre an und 
lerne bereits für die Autoprüfung. Die Beziehung zu mei- 
nen Eltern ist gut. Wir telefonieren regelmässig und sehen 
uns drei- bis viermal im Monat. Ich habe viel mehr Abstand 
zu allem, seit ich im Heim bin. Das tut mir gut. Ich habe 
mich stark mit meiner Geschichte befasst, habe meine Ab- 
schlussarbeit in der Schule zum Thema «Sucht und Erzie- 
hung» geschrieben und mit vielen anderen Jugendlichen 
über ihre Erfahrungen mit süchtigen Eltern gesprochen. 
Dadurch habe ich mich an vieles aus meiner Vergangen- 
heit zurückerinnert. Es war teilweise schmerzhaft, aber hat 
mir auch sehr geholfen. Ich gehe aktuell in eine Therapie 
und besuche regelmässig Treffen der Löwenzahnkinder 
(eine Selbsthilfegruppe). 
Was wünschst du dir für die Zukunft? 
Ich wünsche mir, dass ich einmal genügend Geld habe, um sel- 
ber für mich zu sorgen, und eine stabile Familie mit Kindern. 
Falls du einmal Kinder hast, worauf wirst du Wert legen 
und was wirst du anders machen als deine Eltern? 
Ich glaube, ich würde immer ehrlich zu ihnen sein. Ich würde 
einmal im Monat einen fixen Tag haben wollen, an dem wir 
alle zusammen etwas unternehmen. 
GasseZiitig Lozärn    Nr. 78    Herbst 2022 
6 
 ÜBER 
LEBEN 
«Ich hatte oft Angst, dass meine Mutter 
tot auf dem Sofa liegt» 
Lara (17) hat süchtige Eltern. Im Interview gibt sie Einblick in eine Lebenswelt, die Realität für viele 
Kinder und Jugendliche ist. 
Wie hast du deine Kindheit erlebt? 
Lara: Meine Kindheit war okay. Ich habe wenig mitbekom- 
men von dem, was bei uns los war. Was mich sehr geprägt 
hat, ist, dass meine Mutter tagsüber viel geschlafen hat und 
es selten eine richtige Mahlzeit gab. 
Wie hat dein Alltag ausgesehen? 
Ich wurde morgens meistens von meiner älteren Schwester 
geweckt. Ich musste mein Zmorge selber in der Bäckerei ein- 
kaufen und bin deshalb oft zu spät in die Schule gekommen. 
An schlechten Tagen kam es vor, dass am Mittag zu Hause 
niemand die Tür geöffnet hat. Ich konnte dann bei meiner 
Freundin oder meiner Tante essen gehen. Meine Hausaufga- 
ben habe ich selten gemacht. Nach der Schule war ich mei- 
stens draussen im Quartier anzutreffen. Gspänli habe ich nie 
nach Hause mitgenommen. An guten Tagen ist meine Mutter 
aufgestanden, hat für mich gekocht und mich gefragt, was ich 
heute machen möchte. Dann haben wir zusammen als Fami- 
lie etwas unternommen. 
Was ist die schönste Erinnerung aus deiner Kindheit? 
Gemeinsame Familienferien am Strand. 
Welche Gedanken und Gefühle haben deine 
Kindheit geprägt? 
Ich kann mich erinnern, dass ich oft Angst hatte, dass meine 
Mutter einmal tot auf dem Sofa liegen könnte, wenn ich von 
der Schule heimkomme. Ich war manchmal wütend auf meine 
Eltern und dann wieder traurig, und da war auch immer die 
Furcht, dass ich ins Heim kommen könnte. 
Wann hast du realisiert, dass deine Eltern süchtig sind? 
Ich habe früh gemerkt, dass meine Mutter krank ist. Ich habe 
aber nicht gedacht, dass sie Drogen nimmt. Es gab bei uns zu 
IN EIGENER SACHE 
Jetzt spenden für die geplante Gedenkstätte für 
verstorbene Besuchende der GasseChuchi - K+A 
Spenden via Banküberweisung 
PC-Konto 60-30609-6 des Vereins 
Kirchliche Gassenarbeit Luzern, 
IBAN: CH37 0900 0000 6003 0609 6 
Skizze für die geplante Gedenkstätte Bild Enrique Martinez 
Der Tod ist bei schwer suchtbetroffenen Men- 
schen ein ständiger Begleiter. Menschenwür- 
de geht über den Tod hinaus. Das zeigt sich 
auch in der GasseChuchi - K+A, wo regelmäs- 
sig Abdankungen für verstorbene Besuchende 
begangen werden (2021 waren es 20). 
Für das ganzjährige würdevolle Geden- 
ken an vorausgegangene Besuchende planen 
wir im Aussenbereich der GasseChuchi - K+A 
einen besonderen Ort der Erinnerung: Kre- 
ativ gestaltet von einem Gassenkünstler soll 
dieser individuell besuchbare Ort dezent, 
aber doch präsent an das Leben und die Wür- 
de der Verstorbenen erinnern. Die Gedenk- 
stätte wird 5000 Franken kosten. 
Wir danken für die Unterstützung!
	        

Institution

 
Zentral-und Hochschulbibliothek Luzern

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