Volltext: Sentipost Nr. 3/2021 (3/2021)

Die Vorstandsmitglieder Toni Arnold (l.) 
und Patrick West bei einem Infostand auf dem 
Schwanenplatz (F oto: Urs Häner) 
20 Jahre Luzerner 
Tauschnetz 
von Urs Häner, Gründungsmitglied und Animator 
im Trägerverein Luzerner Tauschnetz 
Im Anfang war der Tausch. Deine Kar tof - 
feln oder Äpfel gegen meinen Hammer 
oder meine Handschuhe. Dann kam das 
Geld, es wuchs die Hoffnung, dass es ein- 
facher wird. Mit dem Zwischenglied einer 
Währung meinten alle, freier zu sein bei 
der Zirkulation von Waren und Dienst - 
leis tungen. Denn so konnte ich meinen 
Hammer verkaufen, ohne gleich die im - 
mer gleichen Kartoffeln eintauschen zu 
müssen. Das Geld war willkommen als 
‹neutrale› Vergleichsgrösse für den Äqui - 
valententausch. Aber es wurde im Gegen - 
teil komplizierter, weil das Geld mitnich- 
ten neutral war: Es konnte angehäuft wer- 
den, es wurde selber zur Ware, bald lock- 
ten Zinsen und es entstanden Schulden - 
fallen. Und heute ist das Geldsystem ex - 
trem zerklüftet und schief, mit immen- 
sen Anhäufungen auf der einen Seite und 
grossen Abhängigkeiten auf der anderen. 
Gründungsphase 
In dieser Situation und angesichts mar- 
kant zunehmender Erwerbslosigkeit auch 
in der Schweiz entstand in Luzern Ende 
der 1990er-Jahre eine gemeinsame Suche 
nach Alternativen. Eine Zukunftswerk - 
statt im März 1998 gilt als Keimzelle des 
Luzerner Tauschnetzes. Mehrere Veran - 
stal tungen folgten, ‹Neue Drinnen schaf- 
fen› war die Devise: Wenn der Arbeits - 
markt die einen einfach ausspuckt, ihr 
Können und ihren Kompetenzen für über- 
flüssig erklärt, dann braucht es neue 
Kreisläufe und Gegenkräfte. Und wenn 
der Kapitalismus ermöglicht, dass die 
einen exorbitant viel verdienen, während 
andere nicht mal das Nötigste haben, 
braucht es ein neues Mass für den Ver - 
gleich verschiedener Tätigkeiten. In der 
Folge bildete sich eine Spurgruppe, die 
sich Unterstützung holte bei anderen 
Tauschorganisationen, und bald war das 
Motto ‹Zeit statt Geld› geboren. Grund - 
idee war es, ein Gefäss zu schaffen, um 
den Tausch von Dienstleistungen auf 
der Basis der Masseinheit Zeit zu ermög - 
lichen. ‹Jede*r gibt und jede*r nimmt› 
sowie ‹Eine Stunde ist eine Stunde› gel- 
ten seither als Grundregeln im Luzerner 
Tausch netz. 1999 wurde eine Pilotphase 
gestartet, die erarbeiteten Strukturen 
wur den getestet, verbessert, verfeinert. 
Die Erfahrungen waren vielversprechend 
und die Rückmeldungen rege, die Mit - 
gliederzahl wuchs und damit auch das 
Bedürfnis nach stabilen Strukturen. Die 
Betei ligten kamen zum Schluss, dass eine 
Vereinsstruktur ihren Anliegen am bes - 
ten Rechnung trägt. Und so kam es am   
3. Mai 2001 zur Gründungsversammlung 
des ‹Trägerverein Luzerner Tauschnetz›. 
Der Zauber des Anfangs und 
die Mühen der Ebene 
Das Luzerner Tauschnetz wuchs rasch. Es 
strahlte Innovation aus, beflügelte grosse 
Träume und hatte doch etwas bestechend 
Einfaches. Bei einer öffentlichen Veran - 
staltung zum Thema ‹Arbeitszeit-Tausch - 
zeit-Lebenszeit› sagte der Zürcher Sozial - 
ethiker Hans Ruh damals, in seinen Au - 
gen sei das Luzerner Tauschnetz «eine 
wichtige Gegenströmung zur herrschen- 
den Monetarisierung der Zeit». 
Ein Jahr nach der Gründung stiess das 
100. Mitglied zum Luzerner Tauschnetz, 
in der sogenannten Marktzeitung fanden 
sich fast 200 Angebote. Und 2003 ver- 
lieh die Stif tung ‹Luzern – Lebensraum 
für die Zu kunft» ihren Lebensraum-Preis 
dem Luz er ner Tauschnetz. Auch das 
Schweizer Fernsehen interessierte sich 
für dieses innovative Projekt, wodurch 
weitere Tausch freudige darauf aufmerk- 
sam wurden. 
Seither ist viel Wasser die Reuss hinab ge - 
flossen. Nach der fast euphorischen An - 
fangszeit kam eine Konsolidisie rungs - 
phase, die Strukturen mussten immer 
wieder angepasst werden, es kam auch 
zu Krisen und Konflikten wegen unter - 
schied lichen Vorstellungen. Aber immer 
wieder gelang es, den Tauschgedanken 
neuen Verhältnissen anzupassen. So wur - 
de beispielsweise 2008 umgestellt von der 
analogen Quittierung der Tausch hand - 
lungen auf Kartonkärtchen zu einer digi- 
talen Plattform – seither können alle auf 
‹Cyclos› ihre Stundentransaktionen ei gen - 
ständig abwickeln und verwalten. 
Dauer thema ist die Aktivierung der Mit - 
glieder. Weil es nicht reicht, einfach ein 
Zeitkonto einzurichten und dann mal ab - 
zuwarten, haben sich schon mehrere Vor - 
standsequipen damit abgemüht, die Zir - 
ku lation der Stunden im Tauschnetz in 
Gang zu halten, die Kontakt mög lich kei - 
ten zwischen den Mitgliedern zu verbes- 
sern und zur aktiven Mitwirkung aller 
beizutragen. 
Jubiläum und neue Ideen 
Nun wird das Luzerner Tauschnetz also 
20-jährig. Das soll am Samstag, 18. Sep - 
tember 2021, ab 16 Uhr im Sentisaal ge - 
feiert werden. Alle Interessierten sind 
herzlich eingeladen. Ausserdem wurde in 
Co rona-Zeiten, aber auch als Beitrag für 
das Jubi-Jahr, neben dem monatlichen 
Tausch netz-Treff (jeweils am ersten 
Diens tag von 17–19 Uhr) ein sog. DigiTreff 
installiert – für den Austausch von Bild - 
schirm zu Bildschirm. Die Hoffnung ist, 
dass im Luzerner Tauschnetz noch man- 
che Innovation die Grundidee beflügelt 
und die Lebendigkeit von Geben und 
Neh men bestärkt. 
DAMALSsentipost nr. 3/21– 2 – 
Das Motto «Zeit statt Geld» bleibt lebendig 
Mehr Infos zum Luzerner Tauschnetz: null www.tauschnetz.ch
	        
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